Herr Junkermann, nach dem letzten Interview mit Ihnen (erschienen in unserer letzten
FFM-Ausgabe) hatte ich meine üblichen Rundfahrten über die Insel mit schärferem Blick als früher
unternommen und dabei festgestellt, dass — im Detail betrachtet — der von Ihnen bemängelte
Schindluder mit der Natur und der Architektur weitaus schlimmer betrieben wird als die oberflächliche Betrachtung mir bisher offenbarte. Ich habe den
Eindruck gewonnen, nicht die Anzahl der Hotelbetten ist das Schrecklichste, sondern das, was bisher an Bauten entstanden ist, sowie das hinterlassene,
verwüstete Umland.
Genau das meinte ich, Herr Jansen. Nicht die Zahl ist das Unbehagliche, das „Wie“ ist es! Beim Nachlesen unseres letzten Interviews wurde ich selber
nachdenklich und fragte bei mir selber nach, mache ich alles richtig? Es ist verdammt schwierig, alle
Auswirkungen des eigenen Tuns im voraus zu erfassen, und das gilt auch für meine Tätigkeit als
Baulandpromotor. Es gibt so viel zu bedenken, wenn man der Verantwortung, die man in dieser Funktion trägt, gerecht werden will. Ich verwende gerne die Metapher von dem guten Zahnarzt, dessen Werk sogleich dem Tageslicht entzogen wird. Bei uns hingegen bleibt unser schlechtes Werk sichtbar und u. U. viele, viele Jahrzehnte — zum Nachteil aller — bestehen.
Es ist eine riesige Verantwortung, die uns keine Uni oder TH lehrt. Ich habe aus dem eingangs erwähnten Nachdenken
Konsequenzen im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Urbanisation La Pared gezogen.
Und die wären?
Wie Sie wissen, beinhaltet der Bebauungsplan „La Pared“ zwei weitere Hotelparzellen. Auf denen hatte ich vor ca. drei Jahren mein Lieblingsprojekt entwickelt: ein “de-Luxe-Golf- und Wellnesshotel” mit 800 Betten. Damit meinte ich, dem ungeheuren Gesundheitspotential des Mikroklimas von La Pared am besten zu entsprechen. Ich glaube, das Projekt ist soweit o.k., auch formal gut gelöst.
Nun kamen mir plötzlich Zweifel an der Richtigkeit dieser Planung. Schließlich waren da ca. 78.000 cbm umbauten Raumes, das
entspricht ungefähr dem Volumen eines Fußballplatzes mal 11 Meter hoch, in die Landschaft zu stellen.
Daraufhin habe ich den Entwurf in Luft- und Bodenaufnahmen aus allen Winkeln integriert. Herr Jansen, noch nie habe ich mich im Leben so erschrocken! Und das, obwohl ich den Entwurf so fein ziseliert und flach gehalten hatte wie es überhaupt möglich war.
Meine erste Reaktion war: “Mein Gott, was hättest Du da getan!“.
Herr Junkermann, Sie werden wohl nicht ernsthaft behaupten wollen, Sie verzichten auf die Bebauung der Hotelparzellen. Immerhin stellen
Hotelgrundstücke in erster Lage, insbesondere jetzt, wo es keine mehr gibt, einen enormen Wert dar. So altruistisch dürfen Sie mir nicht kommen. Wird da nicht der Baustopp für Hotelbetten die entscheidendere Rolle gespielt haben?
Herr Jansen, ich muss sehr hart kämpfen, um die Urbanisation weiter zu entwickeln und
einigermaßen klar zu kommen, kann also nichts verschenken.
Mein Hotelprojekt gehört auf Grund der Gesamtkonzeption zu den wenigen Ausnahmen, die trotz regulärem Baustopp genehmigt würden. Aber der Impakt durch diese Bebauung hätte den
liebenswürdigen Charme von La Pared unwiederbringlich zerstört.

Teilansicht des Strandes von La Pared
(aus dem Fuerteventura-Kalender 2004 der Fotografen
Reiner Loos und Luis J. Soltmann
Verlag "art edition")
In “Mathe” habe ich z. B. gut aufgepasst und lernen müssen, alle relevanten Faktoren einzusetzen, um zum richtigem Ergebnis zu kommen. Ich denke, mit den Hotelbauten hätten wir die ständige Wertzunahme unserer übrigen Baugrundstücke durch die
Wegnahme des ungehinderten Meerblicks negativ beeinflusst, so dass der Mehrwert der Hotelparzellen den Gesamtwert höchstens
ausgeglichen hätte.
Als Nebenfaktoren habe ich auf der Habenseite das Bewusstsein, meinen Aktionären — sprich, denjenigen, die hier bereits
Grundstücke erworben haben — ihre Werte erhalten oder gemehrt zu haben. Die Sollseite belastet mich mit ein paar Jahren mehr Arbeit. Da Arbeit mir Spaß macht, sehe ich letztendlich die Entscheidung als insgesamt positiv. Außerdem habe ich mir eine sehr schöne Alternative für die Hotelgrundstücke
ausgedacht.
Also keine Hotels mehr in La Pared?
Wenn es nach mir geht, nein. Absolut! Neulich nannte jemand La Pared “die letzte Oase“, — und so sollte es bleiben!
Nach vielen Jahren Stillstand in der Urbanisation sind jetzt die Infrastrukturarbeiten flott im Gang. Warum die vielen Jahre Untätigkeit?
La Pared war vom Anfang an verkorkst durch drei verschiedene, im Jahre 1986 disqualifizierte Urbanisationen. Ich habe Ende ‘98 diese drei gekauft und damit
erstmalig in der Geschichte der Urbanisation La Pared die Möglichkeit geschaffen, die vom Gesetzgeber geforderte Flurbereinigung
durchzuführen, Grundlage überhaupt für das weitere Bestehen der
Urbanisation in seiner derzeitigen Form.
Jetzt, nachdem diesbezüglich endlich geordnete Verhältnisse
geschaffen wurden, kann die Erschließung auch abgeschlossen werden.
Und wann denken Sie fertig zu werden?
Wenn nichts Unvorhersehbares dazwischen kommt, plane ich, bis zum Jahresende die innere
Urbanisation fertiggestellt zu haben.
Und diese eigenartige, völlig unpassende und keineswegs ausreichende Zufahrt, soll die weiterhin so bleiben?
Die Flächennutzungsplanung der Gemeinde vergaß seinerzeit schlicht und einfach die Zufahrt. Nun sind die Genehmigungen da. Ich denke aber, es ist für unsere Bewohner wichtiger, zuerst die innere Erschließung
fertig zu stellen. Wir haben so lange mit der Piste gelebt, da macht ein Jahr mehr bis zur endgültigen Zufahrt wohl nicht zu viel aus.
Sie erzählten mir neulich, La Pared dürfe sich neuerdings “Seebad mit heilklimatischer Wirkung” nennen, und darüber hinaus verfüge die Zone über das beste Mikroklima der Welt. Ich fand Ihre Ausführungen so interessant, dass ich Sie bitten möchte, unsere Leser darüber zu informieren.
Gerne, Herr Jansen. Es sind dafür drei Faktoren ursächlich, die gemeinsam so nur in La Pared
auftreten: die geographische Lage, der Passatwind und der Kanarenstrom.
Zur Lage: Die Abschirmung vom Rest der Insel durch die hohen Berge im Rücken, die Wasserfront direkt im Luv und das sanft ansteigende Gelände, sind die Ursache für den unglaublich
gleichmäßigen Temperaturverlauf in La Pared. Nur dort beträgt der
Temperaturunterschied täglich nur zwischen Maximum und Minimum 4°C;
jährlich ist die Differenz der Monatsmittel August (24,5°C) und Januar (20,5°C) ebenfalls 4°C. Das gibt es sonst nirgendwo, auch auf den übrigen Kanaren nicht. Sie haben selber jahrelang in La Pared gewohnt und wissen, wenn sich die Ostküste beim hochsommerlichen Scirokko mit 45°C plagt, misst La Pared höchstens 30°C.
Den Passat sollte ich vielleicht vorher kurz erklären. Vor dem Äquator erwärmt sich die Luft, steigt bis auf ca. 13 km Höhe auf und fällt abgekühlt 4.000 km weiter nördlich auf der Höhe der Linie Bermudas — Azoren wieder ab. Ein dauernder Zyklus durchbläst also eine
Entfernung von ca. 8.000 km. Die aufsteigende Luft saugt mit einer Geschwindigkeit von ca. 4 Knoten die Luft über dem Meer aus Richtung Norden an — auf der Südhalbkugel geschieht dies in umgekehrter Richtung. Das ergibt den Passat. Durch die Westdrift wiederholt sich der Zyklus 10 mal von Amerika bis hier, so dass unsere Luft bis zur Erreichung unserer Nordküste — und La Pared ist eine solche — über 80.000 km reinen Seeraumes durchweht hat!

Strand vor der Urbanisation La Pared
Der Kanarenstrom, als südlicher Arm des Golfstroms, durchwandert die
6.500 km von Amerika bis hier mit einer Geschwindigkeit von 0,12 Knoten oder ca. 0,222 km/h. Somit berührte die ankommende See vor ca. 3 ½ Jahren letztmalig Land. Der Passat treibt dann die sich vor der Küste brechende Dünung als pure Seewassermoleküle bis zu 100 m hoch direkt auf den Ort zu.
Die Addition von Luft, frei von Schadstoffen, plus dem Schleier reinster Seewassermoleküle und den stressfreien
Temperaturverläufen macht die heilklimatische Wirkung und das beste Klima der Welt für La Pared aus. Tatsache ist, dass Erkrankungen der Atemwege bei uns so gut wie unbekannt sind und dass die langjährigen
Bewohner von La Pared deutlich jünger erscheinen, als es ihrem tatsächlichen Alter entspricht.
Vor 1 ½ Jahren erzählten Sie mir, Sie beabsichtigten, La Pared mit dem offiziellen Titel eines Kurbades adeln zu lassen. Was ist denn aus diesem Projekt geworden?
Mein Antrag beim spanischen Gesundheitsministerium liegt noch auf Eis, da man hier den Begriff eines See- oder Luftkurortes nicht kennt. Kurbäder, so genannte Balnearios, sind immer mit
medizinisch relevanten Thermen verbunden. Die von mir bei der Universität Las Palmas bestellten und dem Antrag beigefügten
Analysen sind in den Werten so hervorragend, dass immerhin eine für spanische Ministerien erstaunlich interessierte Antwort zurückkam.
Allerdings müsste ich den medizinischen Beweis liefern und das, ehrlich gesagt, ist mir zu teuer. Aber “Seebad mit heilklimatischer Wirkung” dürfen wir uns jetzt schon nennen. Ist doch auch schon mal was.
Welche Projekte haben Sie noch in der Schublade?
Im wesentlichen möchte ich erst mal La Pared so konsolidieren und aufwerten, dass Eigentum hier den
sozialen Status hervorhebt.
Das Hafenprojekt ist bereits in der jetzt laufenden Überarbeitung des Flächennutzungsplanes der Gemeinde fest
eingebunden, den Ausbau des Golfplatzes habe ich zurückgestellt, bis die Infrastruktur fertiggestellt ist und ich Mittel hierfür frei habe. Vielleicht suche ich auch noch nach einem interessierten Investor. Eins nach dem anderen.
Herr Junkermann, vielen Dank für das Gespräch. Es ist immer interessant, mit jemanden zu sprechen, der nicht nur über die eigenen Belangen nachdenkt.
Herr Jansen, ich habe gegenüber den Majoreros eine große Dankesschuld abzutragen. Sie sollten wissen, dass ich ein Kind emigrierter Eltern bin, mit drei Jahren mein Geburtsland
Frankreich wegen des Weltkrieges verlassen musste und erst im Mannesalter hier eine richtige Heimat mit Land und Leuten fand. Es gehört sich einfach so, dass ich, der in wichtigen Bereichen für die touristische Entwicklung besser Ausgebildete, mich für sie einsetze.
Auch Ihnen vielen Dank, Herr Jansen.

La Pared ist auch berühmt für seine spektakulären Sonnenuntergänge!
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