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PÁJARA
Der Hauptort Pájara liegt wie
eine grüne, ruhige Oase in einem tiefen Tal, das von über 600 m
hohen Bergen (darunter der Berg Fenduca mit 609 m) umgeben ist,
welche die austrocknenden Winde abhalten und der Ortschaft den
Eindruck von Beschaulichkeit und Ruhe verleihen. Gepflegte
Grünanlagen mit Hibiskus-Hecken, Bougainvillen und
Oleandersträuchern, schattige Bänke unter hohen Lorbeerbäumen,
in denen die Spatzen ohrenbetäubend zwitschern, prägen die
Stimmung.
Der Wohlstand, den die touristischen Zentren im Inselsüden der
Region gebracht haben, ist hier deutlich spürbar. Davon zeugen
im Ortskern nicht nur die gefliesten Gehwege, das moderne
Rathaus und die mit Liebe restaurierten Gutshäuser mit den
typisch kanarischen Holzbalkonen, sondern auch das kommunale
Süßwasserfreibad — ein ganz offensichtlicher Luxus auf dieser
wasserarmen Insel.
Doch das war nicht immer so. In Zeiten, als im Barranco de
Pájara, wenn man dem Namen trauen kann, noch wilde Rebhühner
lebten (das Wort “pájara” bedeutet nämlich in andalusischem
Dialekt Rebhuhn), sah das Leben ganz anders aus.
Geschichte
Der Ortsname Pájara taucht zum
ersten Mal in einem Akt der damaligen Inselregierung aus dem
Jahr 1612 auf. In diesem Dokument ist die Rede von Betancuria
und dort werden auch die Einwohner von Pájara erwähnt, was die
Existenz der Ortschaft mindestens seit dieser Zeit beweist.
Der Weiler Pájara begann kurz
nach dem Ende der Conquista zu wachsen. Seine Entwicklung
stützte sich im 16. und 17. Jahrhundert auf Landbau, Viehzucht,
Fischfang und Handel, der über die Häfen von La Pared und Peña
Horadada betrieben wurde.
Im 17. Jahrhundert war Pájara
bereits eine Siedlung, die trotz der Hungersnöte und
periodischen Emigrationswellen, die auf besonders trockene
Zeiten folgten, langsam wuchs und an Bedeutsamkeit gewann. Mitte
des 17. Jahrhunderts war die Ortschaft Sitz einer der fünf
Infanterietruppen der Insel. Im Jahre 1681 sprachen die
Einwohner beim Cabildo (= der Inselregierung) vor, um die
Genehmigung für eine Ausdehnung des Saatlandes zu erhalten, da
die Einwohnerzahlen so gestiegen seien, dass die Länder nicht
mehr ausreichten.
Im selben Jahr wurde auch das
erste Kirchenschiff der Kirche Nuestra Señora de Regla in Pájara
fertig gestellt. Anfang des 18. Jahrhunderts bekam die Ortschaft
hohen Besuch: Bischof Juan Ruiz Simón kam auf die Insel und
kritisierte den Mangel an kirchlicher Präsenz in den von der
Hauptstadt und einzigen Pfarrei Betancuria abgelegenen Dörfern,
wovon er sogleich bei seiner Rückkehr aufs Festland König Felipe
V in Kenntnis setzte.
Es wurde beschlossen, dass eine
religiöse Dezentralisierung und dafür die Gründung neuer
Pfarrgemeinden auf der Insel nötig sei, um alle Gläubigen
gleichermaßen mit „geistlicher Nahrung“ versorgen zu können. Es
wurden die Ortschaften La Oliva und Pájara als Sitze der neuen
Hilfspfarreien ausgewählt: beides Weiler in beträchtlicher
Entfernung von der Hauptstadt sowie mit einer wachsenden
Einwohnerschaft und bereit, für die Kosten der Geistlichkeit
aufzukommen.
So wurde im Jahr 1708 die
Hilfspfarrei Nuestra Señora de Regla in Pájara gegründet; ein
wichtiges Ereignis für die Gemeinde, da ab diesem Zeitpunkt die
Abhängigkeit vom Gerichtsbezirk der Pfarrei Betancuria beendet
war. Der Gerichtsbezirk der neuen Hilfspfarrei Pájara umfasste
anfangs die Ansiedlungen von Toto, Ajuy, Bárjeda, Enduque,
Chilegua, Mézquez, Mirabal über Tiscamanita, La Florida, Adeje,
Cardón, Tesejerague bis nach Tuineje und zur Halbinsel Jandía.
Zwar wurde der Einflussbereich
der Pfarrei Pájara in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
mit der Gründung mehrerer neuer Pfarreien, u.a. in Antigua und
Tuineje, wieder eingeschränkt, doch die Beförderung Pájaras zur
Hilfspfarrei hatte immerhin einen Ausbau der Kirche zur Folge:
Ein zweites Schiff sollte der beträchtlich gewachsenen
Pfarrgemeinde Obdach bieten. Der Anbau wurde im Jahr 1733 fertig
gestellt, als die Ortschaft Pájara bereits 432 Familien zählte.
Im Laufe des 18. Jahrhunderts
erfuhr die Siedlung einen starken Bevölkerungszuwachs, der eine
erneute Erweiterung der landwirtschaftlichen Fläche nötig
machte. Außerdem entstanden in jener Zeit öffentliche
Einrichtungen wie ein Schlachthof, der seit 1775 in Betrieb war
und ein „pósito“ aus dem Jahr 1776, ein Lagerraum, in dem
Vorräte für Dürreperioden aufbewahrt wurden.
In dem 16-bändigen
Nachschlagewerk “Diccionario Geográfico-Estadístico-Histórico de
España y sus posesiones de ultramar“ von Pascual Madoz aus dem
Jahr 1850 ist nachzulesen, dass das Gemeindegebiet Pájara bis
zum Jahr 1835 bereits 100 gruppierte und 237 verstreute Häuser,
zwei Schulen und 1.449 Einwohner zählte, von denen 314 lesen und
102 auch schreiben konnten.
Die Produktion von Weizen, Gerste, Kartoffeln und Salzkraut
waren neben der Zucht von Rindern, Ziegen, Schafen, Pferden,
Eseln und Kamelen die wichtigsten Wirtschaftszweige. Die
Viehzucht stellte von jeher einen sehr wichtigen Sektor in der
Region dar, die mit ihren weiten, unbewohnten und teilweise
landwirtschaftlich nur schwierig nutzbaren Gebieten für
Viehwirtschaft geradezu prädestiniert schien. Die Haltung von
Ziegen, Schweinen, Rindern und Schafen diente vornehmlich der
Ver-sorgung mit Fleisch, Milch, Käse, Leder und Wolle, aber auch
der Beschaffung von Mist, der im hiesigen Ackerbau
jahrzehntelang als einziges Düngemittel eingesetzt wurde.
Esel und Kamele fungierten
traditionsgemäß als Transportmittel für Waren und Personen sowie
als Triebkraft: Zum einen um die Wasserschöpfräder („norias“)
und Getreidemühlen („tahonas“) zu betreiben, zum anderen für die
landwirtschaftliche Arbeit wie Äcker umpflügen oder Korn
dreschen.
Außerdem belebte ab Mitte des 19. Jahrhunderts ein neues
agrarisches Exportprodukt die Wirtschaft der Region: Der rote
Cochenille-Farbstoff, produziert von den Larven der Schildlaus,
welche sich ernähren von den bereits vor Jahrhunderten aus
Mexiko eingeführten Opuntien-Kakteen.
Zwar setzte sich die Zucht der
Cochenille-Schildlaus auf Fuerteventura längst nicht so
erfolgreich durch wie zum Beispiel auf der Nachbarinsel
Lanzarote (1844 produzierte Fuerteventura erst ein Zehntel der
Cochenille-Produktion von Lanzarote), aber sie stellte
nichtsdestotrotz eine wichtige Alternative zur unsicheren, weil
regenabhängigen Landwirtschaft dar. Davon zeugen in den Dörfern
Pájara und Toto noch die zahlreichen verwilderten Kakteenfelder,
die von alten, teils verfallenen Steinmauern begrenzt werden.
Bereits seit Ende des 18.
Jahrhunderts war auch gebrannter Kalk zu einer wichtigen
Einnahmequelle der Region geworden. Besonders entlang der
Küstenlinie und um Ajuy wurde Kalkstein in großen Mengen
abgebaut und in den heute noch erhaltenen Kalköfen, zum Beispiel
direkt am Strand von Ajuy oder an der Steilküste nördlich vom
Strand, gebrannt.
Die Entwicklung der Gemeinde
konsolidierte sich im 20. Jahrhundert; die Bevölkerung wuchs
stetig: Bei der Volkszählung Spaniens in 1940 ergab sich für den
Bezirk eine Einwohnerzahl von 1.345, zehn Jahre später war diese
Zahl auf 1.736 gestiegen. Ein unwesentlicher Anstieg natürlich,
verglichen mit dem Wachstum, das der Tourismus gebracht hat: Im
Januar 2004 zählte die Gemeinde Pájara 17.802 Einwohner.
Wirtschaftlich blieben in der
ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die extensive Viehzucht sowie
Fischfang und Ackerbau wesentlich, ein zusätzliches Standbein
für viele Einwohner war der Kalkexport, der fehlende Erträge
während Dürrezeiten kompensieren konnte. Im 20. Jahrhundert
wurde die hiesige Landwirtschaft um den Anbau von Luzerne als
Futterpflanze und Tomate als das Hauptexportprodukt der Gemeinde
erweitert.
Zwar maßen die Majoreros dem
Ackerbau von jeher wohl aufgrund ihrer Tradition als Nomaden und
Viehzüchter geringere Bedeutung bei, doch fand der
Bewässerungsfeldbau von Tomaten vor allem in der nördlichen
Region der Gemeinde Pájara breite Akzeptanz — im Gegensatz zum
Trockenfeldbau, dem „enarenado“, bei dem der Boden mit Wasser
speicherndem und mineralreichem Picón (= hygroskopische
Steinchen aus Vulkanasche) bedeckt wird.
Dies mag zum Teil darauf
zurückzuführen sein, dass die Tomatenfelder nach der Ernte, also
gut zwei Drittel des Jahres, von Ziegen beweidet werden können,
während die empfindlichen Picón-beschichteten Äcker nicht
zertrampelt werden dürfen. Heute ist der einzige nennenswerte
Erwerbsanbau der Region die Tomatenproduktion, obwohl auch diese
durch die Konkurrenz von Billigexporteuren wie Marokko sowie
wegen Wassermangels und fallender Preise mit großen
Schwierigkeiten zu kämpfen hat (siehe “Wirtschaft heute...”
weiter unten).
Der Tomatenanbau im großen Stil
hatte auf der Insel erst spät Einzug gehalten: Während auf Gran
Canaria schon Ende des 19. Jahrhunderts die Engländer damit
begannen, entstand die erste Tomatenplantage auf Fuerteventura
erst im Jahr 1927 in dem verhältnismäßig wasserreichen Gebiet
von Antigua bis Tiscamanita. Die Pflanzungen dehnten sich aus,
sodass auch die Region von Pájara, Toto und Ajuy zu wichtigen
Anbauzonen wurden, obwohl bereits damals die Abhängigkeit vom
Import von Samen, Pestiziden und Chemiedünger,
Verpackungsmaterial sowie der Bewässerungspumpen ein Problem
darstellte. Die von der Inselregierung zu der Zeit erhobenen
Steuern sowohl für diese Importprodukte als auch für den
Tomatenexport erschwerten die Lage zusätzlich. Schließlich
brachten der spanische Bürgerkrieg und der Zweite Weltkrieg die
gesamte Exportwirtschaft zum Erliegen und der Tomatenanbau
konnte erst danach wieder aufgegriffen werden.
Die große Transformation erfuhr
die Gemeinde Pájara jedoch in den 60er und 70er Jahren mit dem
Beginn des Tourismus, der mittlerweile die wirtschaftliche
Lebensgrundlage der Gemeinde darstellt.
Spricht man heute mit den älteren Einwohnern von Pájara, so wird
einem klar, dass die Menschen hier erst mit dem Tourismus einen
Anstieg ihrer Lebensqualität erfuhren. Bis in die 60er Jahre
hinein war das Leben geprägt von der Anstrengung, unter
widrigsten Umständen dennoch ein Auskommen zu finden. Man lebte
sozusagen von der Hand in den Mund, da die Ernte von Weizen,
Mais, Linsen, Zwiebeln und anderem Gemüse gerade ausreichte für
den Eigengebrauch für zusätzlichen Verkauf warfen die Felder
nicht genug ab. Wenn etwas Gemüse übrig war, so wurde es
getauscht gegen Fisch, den die Fischer von der Küste auf einem
Eselkarren ins Dorf brachten.
Der heute 74-jährige Majorero
Pedro Alonso Torre erinnert sich an diese Zeiten: Wenn die
Fischer aus Ajuy, dem nahe gelegenen Fischerdorf, mit ihrem Fang
ins Dorf kamen, benutzten sie eine große Muscheltrompete, um
sich anzukündigen. Sie zogen von Haus zu Haus, und dann begann
der „trueque“, der Tauschhandel: Ein Sack Gofio gegen Vieja
(Papageienfisch), Kartoffeln gegen Cabrilla (Sägebarsch), Erbsen
gegen Sardinas (Sardinen) und so weiter. Allerdings war das nur
an weniger heißen Tagen möglich. Im Sommer verdarben die Fische
auf dem ungekühlten Eselskarren sehr schnell. Daher wurde der
Fisch oft auch getrocknet und erst dann verkauft. In großen
Mengen breiteten die Fischer Sardinen auf dem Kieselstrand von
Ajuy aus und ließen sie an der Sonne trocknen. Getrocknet und
gesalzen heißen die schmackhaften Fischlein, die flambiert „mit
Haut und Haar“ gegessen werden, „majugas“.
Sehr häufig sah man in Pájara und
Umland auch größere Fische an Wäscheleinen auf den Dächern der
Häuser trocknen. Dies waren oft Viejas, aber auch andere
Fischsorten, die ausgenommen, enthäutet und an der Rückenfinne
entlang geöffnet wurden; anschließend rieb man sie mit grobem
Meersalz ein und ließ es einen Tag einziehen. Am nächsten Tag
wurden die Fische noch einmal gewaschen, wieder gesalzen und zum
Trocknen an den Augen auf Wäscheleinen aufgezogen. Nach einer
Woche, oder auch vier bis fünf Tagen bei viel Sonne, waren diese
Trockenfische, die „jareas“, haltbar gemacht und bis zu einem
Jahr später noch genießbar. (Heute gibt es die Trockenfische,
hygienisch abgepackt, in jedem Padilla-Supermarkt zu kaufen.)
Auch umgekehrt ging Pedro Alonso
Torre als Junge mit seinem Vater oft den mühsamen Weg zu Fuß an
den Strand, um dort Gemüse feilzubieten, wenn die Ernte
ausreichend gewesen war. Aber vor allem in Perioden von
Trockenheit, wenn der Winter nicht viel Regen gebracht hatte,
fiel die Ernte so spärlich aus, dass man sich nicht selten als
Hauptmahlzeit auf eine Portion Gofio, einem Brei aus geröstetem
und selbst gemahlenem Getreide, mit nichts als einer Zwiebel
dazu, zufrieden geben musste.
Da die Menschen sich hier wegen
der verheerenden Dürreperioden nicht auf eine sichere Ernte
verlassen konnten, hatte jeder Bauer mehrere Standbeine. Er
baute neben Gemüse und Getreide auch Futterpflanzen, vor allem „alfalfa“,
die Luzerne, an, um Tiere ernähren zu können.
Neben der Haltung von Eseln und
Kamelen zu Transportzwecken und zum Getreidemahlen züchtete man
Ziegen und verarbeitete selbst die Milch zu Käse. Sechs Monate
im Jahr waren auf diese Weise „gesichert“, in den anderen sechs
Monaten, in denen die Ziegen keine Zicklein hatten und somit
keine Milch gaben, konzentrierte man sich statt dessen auf den
Fischfang. Viele Einwohner des Dorfes Pájara besitzen daher
heute noch eine bescheidene Unterkunft an der Küste, zum
Beispiel in Ajuy, die sie heute nur noch während der heißen
Sommermonate oder zum Entspannen an den Wochenenden nutzen.
Die Menschen in dieser Region
waren also oft Bauern, Viehzüchter und Fischer in einem — eine
Vielseitigkeit, die aus der Not entstand. Außerdem war in
trockenen Perioden für Viele die harte Arbeit im Kalkabbau oft
die letzte Rettung.
Trotz dieser enormen
Anpassungsfähigkeit sahen sich in regenarmen Zeiten viele
Menschen aus der Region gezwungen, auszuwandern. Bereits um 1800
gab es aufgrund anhaltender Trockenheit eine Auswanderungswelle
nach Argentinien, Kuba und Venezuela, eine Reise, die damals
sicher nur jemand auf sich nahm, wenn er gar keinen anderen
Ausweg mehr sah.
Als um 1880 dann auch noch der
Handel mit dem Cochenille-Farbstoff nach Erfindung der
Anilin-Farben in eine Krise geriet, weil der Naturfarbstoff
plötzlich gegen die billigeren synthetischen Farben konkurrieren
musste, verließen wiederum viele Einwohner Pájaras die Insel.
Denn zur selben Zeit geißelte zusätzlich die Trockenheit die
Insel schlimmer als je zuvor: Fünf regen-lose Jahre seit 1877
hatten die landwirtschaftlichen Erträge unter jegliches
Existenzminimum sinken lassen. Noch heute haben viele
Dorfbewohner weit verzweigte Familienbindungen nach
Lateinamerika.
Ähnlich katastrophale Ausmaße
nahm die Armut in dieser Region dann während des spanischen
Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 an. Die Regierung beschlagnahmte
einen Großteil der spärlichen Ernte für die Armee, sodass den
Bauern nur die Lebensmittelrationen zum Überleben blieben.
Beladen mit Lebensmitteln wie Mais, Zucker und Öl kam das Schiff
„El Guanche“ in regelmäßigen
Abständen vom Festland nach Fuerteventura, um das Überleben der
Insulaner zu sichern.
Pedro Alonso Torre erinnert sich,
obwohl er zu Kriegsbeginn 1936 noch ein kleiner Junge war, an
die große Not: „Wir Kinder standen auf dem Berg, von wo aus wir
aufs Meer sehen konnten, und wenn wir in der Ferne die
Rauchsäule von „El Guanche“ sahen, rannten wir ins Dorf hinunter
und verbreiteten die Nachricht, und alle waren außer sich vor
Freude.“ Freilich mussten sich die Bewohner von Pájara dann noch
gedulden, bis das Schiff im Hafen von Gran Tarajal angelegt
hatte, die Lebensmittel für die verschiedenen Gemeinden
aufgeteilt (10 kg Mais pro Kopf war üblich) und schließlich auch
nach Pájara transportiert worden waren. Doch man war von diesen
Zulieferungen vollkommen abhängig.
Zwar versuchten die Bauern von
Pájara und Umgebung in der Zwischenzeit, an anderen Orten
Getreide zu erwerben, und wanderten dafür etliche Kilometer in
der sengenden Sonne bis in die Hauptstadt, nach Villaverde oder
gar La Oliva. Pedro Alonso Torre erzählt, wie er als Kind abends
seinem Vater entgegen rannte, wenn dieser von solch
anstrengenden Wanderungen ins Dorf zurückkehrte. Doch mehr als
einmal war die Enttäuschung groß, kam der Vater mit leeren
Händen nach Hause, denn auch in anderen Gemeinden herrschte
Hunger.
Die Mutter hielt Hühner, um die
Eier gegen knappe Waren wie Zucker und Öl eintauschen zu können.
Don Pedro erinnert sich, wie sie manches mal das Huhn festhielt,
bis es ein Ei gelegt hatte, um gleich darauf zum Laden zu
hasten, und noch ein wenig Zucker zu ergattern.
Manche hielten sich auch als
wandernde Eierhändler über Wasser, indem sie tagelang durch die
Berge von Dorf zu Dorf zogen, mit einer Stange über den
Schultern, an denen an beiden Ende ein Eierkorb (diese
Konstruktion wurde auch zum Transport anderer Güter wie
Feldfrüchte, Wasser, etc. verwendet und heißt “canga“) hing. Sie
kauften den Bauern jedes Ei ab, um am Ende eines langen Tages
die Eier in Puerto del Rosario an den Mann zu bringen.
Der Zustand verschlimmerte sich
so sehr, dass die Nutztiere starben, weil kein Futter mehr da
war. Bauern, denen noch Ziegen geblieben waren, schlachteten
diese schließlich, um wenigstens das Fleisch noch zu verzehren.
Pedro Alonso Torre erinnert sich, dass in der größten Not die
Menschen aus dem Dorf sogar Gras in ihren Speiseplan aufnahmen.
Wer konnte, emigrierte nach
Venezuela oder Kuba, wo oft bereits Verwandte ansässig waren.
Die Mehrheit kehrte später wieder zurück nach Pájara, manche mit
Geld, andere ärmer als zuvor.
Die
Neuzeit
Man macht sich keine Vorstellung
davon, wie urtümlich das Leben hier noch in den 50er und 60er
Jahren verlief. Das erste Auto fuhr im Jahr 1955 über die
Schotterpisten des Dorfes. Es gehörte einem besser gestellten
Geschäftsinhaber und blieb jahrelang das einzige motorisierte
Fahrzeug in der Region.
Wenn sich die Männer auf dem
Dorfplatz von Pájara trafen, zündeten sie ihre kanarischen
Zigarren mit Hilfe einer Lupe und der Sonne an, Streichhölzer
waren Mangelware.
Manuel Cabrera Sánchez ist heute
42 Jahre alt und erinnert sich, während seiner gesamten Kindheit
zusammen mit seinen sieben Geschwistern und den Eltern in einem
Haus mit zwei Zimmern gewohnt zu haben. Die Kinder schliefen zu
dritt oder viert in einem Bett. Das Leben war hart und selbst
die Kleinsten mussten auf den Feldern helfen. Säuglinge nahmen
die Eltern in Karren mit aufs Feld, denn die Arbeit musste
weitergehen.
Manuels Eltern verkauften Gemüse
und Ziegenkäse, den sie von der Milch der eigenen Ziegen selbst
hergestellt hatten. Wenn die Familie auch nicht hungern musste,
so stand doch häufig nur Gofio auf dem Tisch, denn den eigenen
Käse musste man verkaufen, um anschließend von dem Erlös
Lebensmittel wie Zucker und Öl erwerben zu können. Fleisch gab
es höchstens einmal im Monat, und die Schuhe der Kinder wurden
sicher im Schrank verschlossen und nur sonntags für den
Kirchenbesuch angezogen.
Die Schulpflicht für Kinder wurde
hier erst gegen Ende der 50er Jahre eingeführt. Es ist Manuels
Generation, welche die größten Umwälzungen erlebt und deren
Leben sich radikal geändert hat, als der Tourismus auf der
“Insel der Ruhe” Einzug hielt. Auf einmal eröffneten sich neue
Möglichkeiten, ein sicheres Einkommen zu verdienen, bei dem man
sich nicht einmal schmutzig machen musste.
In Scharen verließen junge Leute Pájara und Umgebung, um sich in
den Hotels im Süden des Gemeindebezirks Arbeit zu suchen oder
bauten eine ganz neue Existenz auf. Manuel selber ist jetzt
Inhaber der Bar-Cafeteria “Guayarmina“ (ein Guanchen-Name, den
er seiner ältesten Tochter gegeben hat) am nordöstlichen
Ortseingang von Pájara. Die Landwirtschaft ist jedenfalls
heutzutage vollkommen vernachlässigt und spielt derzeit nur noch
eine marginale Rolle.
Spricht man heute die
Dorfältesten von Pájara darauf an, wie das Leben früher im
Vergleich zu heute war, so sind sie sich alle einig: „Heute
leben wir besser. Früher wurde viel gearbeitet und wenig
verdient. Das Leben war hart und es gab viel Elend. Ja, heute
leben wir wirklich besser!“
Pájara
heute
Dass sich die Lage gebessert hat,
spiegelt auch das äußerst gepflegte Ortsbild der kleinen
Gemeindehauptstadt wider — auch wenn man dem Ort selbst, der
heute nur 927 Einwohner zählt, seine administrative Bedeutung
als Verwaltungssitz des gesamten touristischen Inselsüdens nicht
unbedingt ansieht. Um dieses beschauliche, stimmungsvolle Dorf
kennen zu lernen, nehmen Sie sich am besten etwas Zeit. Es gibt
so viele interessante Details zu entdecken, wenn man nur die
Augen öffnet. Ein Kurzbesuch kann dem nicht gerecht werden.
Fährt man aus dem nordöstlich
gelegenen Tuineje in den Ort hinein, fällt auf, dass die
Hauptstraße gesäumt ist von jungen Palmen, in der Mitte geteilt
durch eine lange Hibiskus-Hecke mit herrlich duftenden roten
Blüten. Sie führt geradewegs auf ein Kunstwerk aus rotem
Vulkangestein zu, das über dem Kreisverkehr am Ortseingang
thront: Eine lebensgroße Statue von einem Ziegenbauern beim
Melken einer seiner Ziegen. Der Bildhauer ist der 34-jährige
Juan Miguel Cubas Sánchez aus Pájara. Er hat sich mit seiner
Kunst den traditionellen Themen verschrieben: ihm liegt am
Herzen darzustellen, was früher im Leben der Majoreros wichtig
war. Und die Ziegenzucht war ein essentieller Bestandteil des
Lebens im Binnenland der Insel. All seine Werke haben mit der
Kultur und den alten Gebräuchen dieser Region zu tun: „Ich
arbeite mit dem, was verloren geht.“
Verloren geht zum Beispiel das
Melken der Ziegen mit der Hand. Auf den Ziegenfarmen der
Umgebung wird ausnahmslos mit großen Melkmaschinen gearbeitet,
sodass Ziegenkäse in großem Stil produziert werden kann. Das
“Monumento al Pastor“ (Monument für den Hirten) wurde erst im
Juni vergangenen Jahres anlässlich der Verabschiedung der alten
Gemeinderegierung und dem Einzug der aktuellen Regierung der
sozialistischen Partei ins Rathaus von Pájara eingeweiht. Abends
sieht es besonders schön aus, wenn der rote Stein von den
eingebauten Scheinwerfern angestrahlt wird.
An diesem Kreisverkehr geht eine
Brücke über den fast immer ausgetrockneten Barranco (=
Flussbett), der den Ort in zwei Hälften teilt. Vor etwa fünf
Jahren strömte hier zuletzt nach starken Regenfällen das Wasser
aus den Bergen hinunter in Richtung Meer und setzte dabei das
Dorf unter Wasser. In der “Bar Eucaliptos“, gleich hinterm
Kreisverkehr, hängen über der Theke ein paar eindrucksvolle
Fotos von dieser Überflutung.
Hier können Sie in der
Nachmittagssonne an den Tischen auf dem Gehweg sitzen, sich
Tapas in rauen Mengen servieren lassen (”un poquito“, ein
bisschen, wird hier schon mal überinterpretiert), und das Kommen
und Gehen am Ortsein- bzw. -ausgang beobachten.
Für einen “café con leche“ und
ein Stück Gebäck am Vormittag ist eher die Bar “Guayarmina“
gegenüber zu empfehlen, auf deren schöner Terrasse, einem
kleinen Platz mit drei großen Lorbeerbäumen und einer Palme, man
dann die Sonnenstrahlen genießen kann.
Gleich neben dieser Terrasse
fällt ein großer Kaktus auf, der den Eingang zur “Aula de la
Naturaleza“ markiert. Der Weg führt durch einen von der Gemeinde
angelegten Garten, der sich den autochthonen Pflanzen der Insel
widmet, wie zum Beispiel den Tabaibas (gelb blühende, runde
Büsche), Cardones (kerzenleuchterförmige, kakteenähnliche
Gewächse, die unter Naturschutz stehen) und Verodes, allesamt
zur Familie der Euphorbien gehörende Wolfsmilchgewächse, deren
weißer Saft giftig ist und sie somit vor dem Ziegenverbiss
schützt.
Die “Aula de la Naturaleza”
selbst ist ein öffentliches Gebäude inmitten dieses Gartens, in
dem Informationsbroschüren über die regionale Flora und Fauna
und Wanderwege in der Gegend um Pájara bereit liegen. Auch
interessante Naturvideos in verschiedenen Sprachen können auf
Leinwand gezeigt werden. Geöffnet ist während der Woche von 7:00
bis 14:30 Uhr.
Die
Pfarrkirche
Rosensträucher auf grünen
Rasenflächen zieren die Hauptstraße, die in den Ortskern führt.
Zur Rechten taucht die Kirche von Pájara auf, die Iglesia
Nuestra Señora de Regla, die in jedem Reiseführer wegen ihres
“rätselhaften“ steinernen Portals hervorgehoben wird.
Man ging lange davon aus, dass
seine aztekischen Motive (geometrische Sonnenornamente,
gefiederte Schlangen, bekrönte Pumas und geschmückte
Indianerköpfe) Folge der kulturellen Kontakte der Ein-heimischen
mit den lateinamerikanischen Kolonien seien. Hatten Rückkehrer
aus Mexiko die Vorlage für diese Steinmetzarbeiten mitgebracht?
Oder war gar das gesamte Portal Stein für Stein aus
Mittelamerika ins unbekannte kanarische Dorf Pájara
transportiert worden?
In manchen Reiseführern ist zu
lesen, dass die benutzte Steinsorte nirgendwo auf Fuerteventura
zu finden sei. Fragt man allerdings die älteren Majoreros im
Ort, so müssen sie darüber lachen. Sie können einem sogar die
Reste eines Steinbruches zeigen, in dem höchstwahrscheinlich der
Kalksandstein für das Kirchenportal abgebaut wurde. Er befand
sich ungefähr 10 km südwestlich
von Pájara im Barranco Amanay.
Richtig ist allerdings, dass eine
solche aztekisch verzierte Kirchenfassade auf den Kanarischen
Inseln einzigartig ist. Mittlerweile gehen Kunsthistoriker davon
aus, dass der unbekannte Steinmetz seine Motive aus einem um
1700 erschienenen italienischen Vorlagenbuch bezogen hat, in dem
diese mexikanischen Stilelemente beschrieben wurden.
Wie dem auch sei, die Kirche mit
ihrem wunderschönen, von 40-jährigen Indischen Lorbeerbäumen
beschatteten Kirchplatz ist auf jeden Fall einen Besuch wert.
Das linke Kirchenschiff wurde im Jahr 1687 fertig gestellt,
wovon ein Balken im Presbyterium mit dieser Jahreszahl zeugt.
Erst im 18. Jahrhundert wurde das beinahe gleich große
Seitenschiff angebaut, da sich die Gemeinde zu dieser Zeit
vergrößert hatte.
Jeden Tag von 10 bis 14 Uhr steht
die Tür im schlichten Rundportal des rechten Schiffes offen.
Wenn Sie von draußen hereinkommen, brauchen Sie eine Weile, bis
sich Ihre Augen an die Dunkelheit in dem ruhigen, kühlen Gebäude
gewöhnt haben und Sie sich in aller Ruhe umsehen können.
Sollten Sie jedoch dem dämmrigen
Zauber wenig abgewinnen, können Sie für einen Euro auch
Scheinwerferbeleuchtung kaufen: Die Münze rechts neben dem
Eingang in den schwarzen Apparat einwerfen und es wird Licht.
Jetzt müssen Sie sich allerdings beeilen, denn nach circa einer
Minute wird es wieder Nacht um Sie.
Und das wäre schade, zum Beispiel
um die zwei hölzernen, bunt bemalten und teils mit Blattgold
belegten Barockaltäre von 1785. Als zentraler Blickfang steht in
der Mitte die Statue der Schutzheiligen und Namenspatronin
Virgen de Regla, einer Madonna mit Kind, beide mit prächtiger
Silberkrone geschmückt. Die Virgen de Regla wird ebenfalls in
Kuba als Schutzpatronin der Städte Havanna und Regla, einer
gleichnamigen Provinzstadt, verehrt.
Daher wird oft auf die
Möglichkeit verwiesen, dass die Figur von einem wohlhabend aus
Kuba zurückgekehrten Emigranten mitgebracht oder zumindest
geordert wurde. Fragt man jedoch den Pfarrer der Kirche, so hat
der Name einen gänzlich religionsgeschichtlichen Ursprung und
datiert aus dem vierten bis fünften Jhd. n. Chr.: Zu dieser Zeit
soll der Bischof San Augustín in Nordafrika eine Kongregation
der Priester gegründet haben, damit die Priester in einer
Gemeinschaft lebten. Um das Leben dieser Priestergemeinschaft zu
regulieren, schrieb er ein Gesetz, eine Norm (span. “regla“)
nieder, die er der Jungfrau (”virgen“) zu Füßen legte. Der Name
“Virgen de Regla” stamme demzufolge von der “Ley de San Augustín“,
dem Gesetz von Sankt Augustin. Dass die Madonnenfigur
dunkelhaarig ist, ließe sich somit zurückführen auf ihre
nordafrikanische Herkunft. Dennoch legt der korrekte Name Virgen
de Regla, der sich mit “Jungfrau aus Regla“ übersetzen lässt,
eher die erste Version nahe. Fälschlicherweise liest man
allerdings manchmal auch die Bezeichnung “Virgen de la Regla“,
was sich schon eher als “Jungfrau der Regel, der Norm“
interpretieren ließe.
Ein Höhepunkt im Festkalender von
Pájara ist die “Fiesta de Nuestra Señora de Regla” am Abend des
2. Juli: Bei der feierlichen Prozession ist das ganze Dorf auf
den Beinen und begleitet die Madonnenfigur durch den Ort. Am 15.
August wird die Prozession wiederholt, und es finden sich neben
den Dorfbewohnern auch Besucher von der ganzen Insel in Pájara
ein, um ein mehrtägiges Fest zu feiern.
Im Altarbild des Hauptschiffs ist
in der rechten unteren Nische eine ungewöhnliche Interpretation
der kanarischen Volkskunst einer Christusfigur zu bewundern:
Diese steht mit dem linken Fuß auf dem Kopf der Schlange, mit
dem rechten auf einem Schädel, und vereint so die Eigenschaften
des Erlösers (Triumph über die Sünde) mit denen des
Auferstandenen (Triumph über den Tod).
Der Barockaltar des
Seitenschiffes ist der Dolorosa gewidmet, eine eindrucksvolle
kleine Schmerzensmadonna aus Holz mit echtem Haar. An der
rechten Wand hängt ein riesiges Gemälde des Jüngsten Gerichts,
in dem in der Mitte der Erzengel Michael und die Jungfrau Maria
als Vermittler zwischen Himmel und Fegefeuer abgebildet sind.
Zu den weiteren Kostbarkeiten der
Kirche gehört außerdem ein Kruzifix am Mittelpfosten vor dem
Chorraum, dessen Christusfigur mit den feinen Gesichtszügen aus
dem 18. Jhd. datiert und deren Arme beweglich sind, um die Figur
für Prozessionen abnehmen und die Kreuzigung nachstellen zu
können.
Auch die aus Holz gearbeitete
Priesterkanzel ist einen näheren Blick wert. Ihre verschiedenen
Kassettendecken in Rot-, Blau- und Goldtönen zeigen religiöse
Symbole der Eucharistie, zum Beispiel den Pelikan, der die Liebe
Gottes symbolisiert, weil er sich selbst Schmerzen zufügt um
seine Kinder zu ernähren.
Obwohl die meisten Schmuckstücke
der Kirche barocke Züge aufweisen, wie auch das schöne steinerne
Taufbecken, zeigt die Innenarchitektur der Kirche viele gotische
Elemente, zum Beispiel die Spitzbogen vor dem Hauptaltar oder
das gotische Pförtchen, das zum Kreuzgewölbe beim Glockenturm
führt. Bemerkenswert ist schließlich noch die schöne Holzdecke
im Mudéjar-Stil, der im Spanien des 14. und 15. Jhds. aus der
Verschmelzung gotischer und maurischer Formen entstand und auf
Fuerteventura noch lange gepflegt wurde.
Der
Ortskern
Wenn Sie die Kirche wieder
verlassen, sehen Sie gegenüber das moderne, weißgetünchte
Rathaus, das administrative Herzstück des gesamten
Gemeindebezirks. Über dem Eingang ist das Wappen von Pájara zu
erkennen, in dessen Mitte ein Vogel (ob das nun ein Rebhuhn
ist?) an die Herkunft des Ortsnamens (”pájaro“ = Vogel)
erinnert.
Im Kontrast zu dem modernen
Gebäude ziert ein hölzernes Wasserschöpfrad aus dem vorigen
Jahrhundert, eine Noria, den Vorplatz. Hier demonstrieren
während der Woche von 9 bis 13 Uhr Benjamin Díaz Díaz und sein
geduldiger Esel „Bombero“ (zu deutsch übrigens Feuerwehrmann) in
traditioneller Aufmachung, wie noch bis in die 40er Jahre das
Grundwasser gefördert wurde. Danach verdrängten die bereits
Anfang des 20. Jhds. aus Amerika eingeführten Windräder
endgültig die esel- oder kamelbetriebenen Schöpfräder, die den
inzwischen gesunkenen Grundwasserspiegel nicht mehr erreichen
konnten. Die restaurierte Noria vor dem Rathaus Pájaras ist das
einzige noch funktions-tüchtige und traditionell, d.h. mit einem
Zugtier, betriebene Wasserrad auf der Insel.
Die große, bananenbaumähnliche
Pflanze links vor dem Rathaus ist übrigens keine Banane, sondern
die berühmte schwarze Strelitzie, die als die „Blume der
Kanaren“ gehandelt wird, obgleich sie, wie viele andere der in
den Gartenanlagen anzutreffenden Pflanzenarten (Drachenbaum,
Palmfarn, Aloe Vera usw.) nicht auf den Kanaren endemisch ist.
Ein kurzer Spaziergang den
gefliesten “Peatonál Fuerteventura” (Fußgängerweg...) hinunter
in Richtung Barranco führt am “Centro Cultural“ Pájaras mit der
Gemeindebibliothek (deren fünf PCs neuerdings sogar mit
Internetzugang ausgestattet sind — seitdem versammelt sich hier
am Nachmittag und frühen Abend die Dorfjugend) und dem Freibad
vorbei, das über acht 25m-Bahnen verfügt.
Die Bibliothek ist während der
Woche von 13.30 bis 20.30 Uhr geöffnet, und sollten Sie Spanisch
sprechen, freut sich Mari, die Bibliothekarin, über ein
Schwätzchen, das ihr den langen Nachmittag etwas verkürzt.
Das Schwimmbad lädt nur während
der Sommermonate zu einem erfrischenden Bad ein, und zwar ab 24.
Juni bis Ende September von 13 bis 19 Uhr (vormittags werden
Kurse gegeben).
Zurück an der Noria können Sie sich auf dem Mäuerchen im
Schatten des hoch gewachsenen Zierlorbeers, in dem unzählige
Vögel zwitschern, eine Ruhepause gönnen. Hier finden sich
vormittags die alten Männer von Pájara ein, unterhalten sich
oder lesen die Zeitung, wie der 83-jährige Don Julian (von den
Dörflern zärtlich „Julianito“ genannt und auf unserem Titelfoto
zu sehen), erkennbar an seinem schwarzen Hut und Gehstock, der
Ihnen gerne die eine oder andere Anekdote aus dem Leben früher
erzählt, wenn es Ihnen denn gelingt, seinen “Majorero-Slang“ zu
verstehen, was durch das Fehlen einiger Zähne nicht unbedingt
erleichtert wird. Aber aus der Körpersprache und den flinken
Augen spricht so viel Warmherzigkeit, dass Worte kaum noch eine
Rolle spielen.
Traditionspflege
Hier im Ortskern findet man auch
die „Casa del Artesano“, wo Sie montags, mittwochs und freitags
von 10 bis 13 Uhr, dienstags und donnerstags von 11 bis 14 Uhr,
sowie nachmittags von 17 bis 18.30 Uhr und sonnabends von 11.30
bis 13.30 Uhr kanarische Handwerkskunst finden “zum Betrachten,
Nachdenken und/oder Kaufen“, wie ein Schild am Eingang verrät.
Sie können dabei zusehen, wie Susa traditionell “calado
majorero“, die typische durchbrochene Stickerei, anfertigt, auch
kunstvolle „ganchillos“, Häkelarbeiten, sind zu bewundern und
ein alter Webstuhl, an dem Flickenteppiche gewebt werden. Susa
bietet hier auch den Kindern und Jugendlichen von Pájara Kurse
an, damit diese traditionellen kunst-handwerklichen Fähigkeiten
nicht verloren gehen.
An der “Casa del Artesano“
verzweigt sich die Hauptstraße: links in die Calle Terrero, die
an der Plaza de la Constitución (gegenüber der Bar Zas), an zwei
Padilla-Supermärkten, einer Apotheke und einem Blumenladen
vorbei (alle zwischen 13 und 16.30 Uhr geschlossen) und aus dem
Ort in Richtung Ajuy und La Pared führt. An dem Platz befindet
sich in einem neuen Gebäude das “Consultorio de Pájara“, die
Arztpraxis, und der “Hogar del Pensionista“, wo sich die
Senioren nachmittags ab 17 Uhr zum Dominospielen treffen. Die
runde Tanzfläche davor wird vor allem während der Karnevalszeit
(meist im Februar oder März) in Anspruch genommen.
An der Verzweigung geht es rechts
in die Calle Guise, die von alten Häusern im traditionellen Stil
mit Lehmdächern gesäumt ist, und vorbei an dem wunderschönen
Lokal „Casa Isaítas“ aus dem Ort in Richtung Vega de Río Palmas
und Betancuria führt.
Auf der Strecke ist an der
rechten Hand genau in einer Kurve noch ein alter Kalkofen, ein
rundes Bauwerk aus Natursteinen, zu sehen. Außerdem fallen auf
dieser Straße, die sich den Berg entlang schlängelt und ein
wunderschönes Panorama über den Barranco de las Peñitas mit dem
längst verlandeten Stausee („Embalse de las Peñitas“) bietet,
die vielen „cadenas de piedra“ an den Berghängen auf:
Steinmauern, die dazu dienten, die steilen Flächen zum Ackerbau
zu befestigen.
Außerdem sieht man auf der
Strecke Richtung Vega de Río Palmas zahlreiche verfallene Felder
mit Agaven, deren Sisalfaser eine Zeitlang im Rahmen von General
Francos Autarkiepolitik zur Herstellung von Kleidern und Säcken
dienen sollte. Der Versuch scheiterte jedoch an der billigeren
Konkurrenz der Synthetikfasern. Heute benutzen die Einwohner nur
noch die bis zu sieben Metern hohen Blütenstängel der Agaven und
zwar, mit Lametta behängt, als Weihnachtsbäume
Aber zurück nach Pájara. Die oben
erwähnte Tapas-Bar „Casa Isaítas“ mit ihren Holzgalerien und
Balkonen ist auf jeden Fall einen Besuch wert: Das über 200
Jahre alte Haus wurde von den heutigen Besitzerinnen Pilar und
Mercedes in mühevoller Kleinarbeit, getreu der alten
Konstruktion aus Naturstein und gekalkten Wänden, renoviert. Es
beherbergt, neben einem wunderschönen Innenhof und einem
stimmungsvoll eingerichteten Bar-Restaurant, mehrere komfortable
Fremdenzimmer
(ab 66 Euro pro Nacht).
Zum Frühstück werden
handgemachter Ziegenkäse, holzgebackenes Brot mit Olivenöl sowie
hausgemachte Kekse und Marmelade serviert. Wer zum Abendessen
einkehren will, muss zuvor für Freitag-, Samstag- oder
Sonntagabend einen Tisch bestellt haben (Tel.: 928 161 402).
Ansonsten schließt die Küche nämlich um 18:30 Uhr, während der
Woche um 16 Uhr (Do. Ruhetag).
Viele andere restaurierte
traditionelle Häuser, teils mit den typischen dunklen
Holzbalkonen aus dem 18. Jhd., finden sich an der Calle Terrero
(Hausnummern 13, 15, 17, 19 und 21) sowie der Calle Real
(Hausnummern 3, 5, 7, 8, 9, 11, 13 und 15).
Gegenüber der Kirche können Sie
in dem Lokal “La Fonda“ in stilvoll restauriertem kanarischen
Ambiente aus einer gut sortierten Speise- und Getränkekarte
auswählen. Spezialitäten wie Kaninchen (”conejo”) oder Cabrito
(= Zickleinbraten, mit Voranmeldung, dann besorgt die Wirtin
frisches Zicklein) locken auch Ein-heimische immer wieder von
weit her. Die beschirmte Sonnenterrasse ist der Treffpunkt für
alle Pájara-Besucher und der Pausenplatz für die Bediensteten
des gegenüber liegenden Bürgermeisteramtes. Die Küche ist in der
Regel den ganzen Tag (von 10:30 bis 21:30 Uhr, Sa. Ruhetag)
geöffnet.
Die
nähere Umgebung
Wer an der “Bar Zas“ in die Calle
Cañada einbiegt, sich dann rechts hält und der Straße
bergaufwärts folgt, kommt bald an den westlich vom Ort gelegenen
Friedhof. Wie alle Friedhöfe auf Fuerteventura liegt auch dieser
außerhalb des Dorfes und ist von einer weißgekalkten Mauer
umgeben. Hier können sich wohlhabende Bürger aus dem ganzen
Umkreis (der nächste Friedhof ist in Morro Jable) bereits zu
Lebzeiten für etwa 300 Euro eine Mauernische als letzte
Ruhestätte reservieren.
Auf dem Weg zum Friedhof fallen
die zahlreichen überwucherten Kakteenfelder auf, die sowohl der
Cochenille-Zucht dienten als auch bis heute schmackhafte
Kaktusfeigen liefern, die man früher geschält, getrocknet und
gezuckert als “porretas“ verkaufte. Wenn Sie die roten Früchte
sehen, probieren Sie ruhig mal eine. Die Feigen der kleineren
(aber dafür stachligeren) “tuneras indias“ sind auch frisch
besonders schmackhaft. Man schält sie, indem man die oberen
Enden abschneidet, die Haut längs aufschlitzt und auseinander
biegt, bis das Innere frei liegt. Vorsicht allerdings vor den
feinen Stacheln, die zwar kaum zu sehen, doch umso
heimtückischer sind! Die Majoreros reiben die Früchte vor dem
Schälen auf dem Boden hin und her, um sie von den Stacheln zu
befreien.
Wer der Calle Cañada geradeaus
folgt, den führt der Weg an der Ruine einer alten “tahona“
vorbei, welche die Gemeinde momentan restauriert. Tahonas waren,
meist von Kamelen betriebene, Getreidemühlen. Kunstvoll werden
nun die alten Steine des Hauses, in dem sich die Mühle befand,
Stück für Stück wieder aufeinander gesetzt, ein traditioneller
Dachstuhl aus Tamariskenholz gebaut und alles mit Lehm
verkleidet. Die Restauration dieser Tahona ist Teil eines
Projektes, mit dem die Gemeinde den traditionellen Gebräuchen
dieser Region wieder Leben einhauchen will. Schon bald sollen
hier zu Demonstrationszwecken wieder Kamele im Kreis gehen, in
den Kalköfen von Ajuy soll wieder Kalk gebrannt und in der alten
Lohgerberei ein paar Kilometer nordwestlich von Pájara sollen
auch bald wieder Häute gegerbt werden.
Ein weiterer Teil dieses
Projekts, das die vor einem Jahr neu gewählte Gemeinderegierung
verfolgt, ist die Restauration eines über 200 Jahre alten
kanarischen Gutshauses, das alle typischen Elemente aus dem
Leben jener Zeit zeigt: Eine eigene Tahona, ein runder
Wasserspeicher, in dem sich die mit dem Regenwasser
mitgeschwemmte Erde absetzen sollte (hier wächst heute eine
mannshohe, prächtige Distel), alte Ställe und mehrere schöne
“patios“ (= Innenhöfe).
Die Gemeinde möchte hier in
Zukunft Ausstellungsräume für Kunsthandwerk, Theater und Musik
einrichten. Sie finden die Ruine dieses eindrucksvollen Hauses,
wenn Sie am Ortseingang mit dem Kreisverkehr die schmale Straße
an der “Bar Eucaliptos“ vorbei am Barranco entlang einschlagen.
An der linken Seite wird Ihnen
eine gut erhaltene, kreisförmige Steinmauer ins Auge fallen. Es
ist ein “corral“, in dem früher Ziegen zusammengetrieben wurden,
allerdings ein besonderer, weshalb er ebenfalls von der Gemeinde
restauriert worden ist: Es war der “Corral de Consejo“ (”consejo“
= Rat, Ratsversammlung) von Pájara, an dem beratschlagt wurde,
was mit jenen Ziegen zu geschehen hatte, die auf frischer Tat
dabei ertappt worden waren, des Nachbarn Gemüse zu fressen. Wenn
der Besitzer jener Ausreißer nicht bereit war, den Schaden zu
vergüten, so wurde hier seine Ziege öffentlich versteigert.
Rechts von diesem Corral, ein
Stück weiter den Barranco hinauf, befindet sich das antike
kanarische Wohnhaus, das zu erwerben der Gemeinde allerdings
bislang noch nicht gelungen ist. Die Verhandlungen mit den zehn
Besitzern laufen noch.
Bereits beendet sind die
Restaurationsarbeiten an der oben erwähnten Lohgerberei, die
ebenfalls einen Besuch wert ist.
Wenn Sie Pájara über die Straße
in Richtung La Pared verlassen, nehmen Sie nach einem Kilometer
die Abzweigung rechts nach Ajuy. Unterwegs fallen die vielen
aufgegebenen Tomatenfelder, zahllose verlassene Steinfincas und
etliche langsam vertrocknende Palmen ins Auge.
Die Straße führt entlang dem
Barranco de las Peñitas, früher dank der Süßwasserquelle im
benach-barten Barranco de la Madre del Agua ein fruchtbares
Gebiet, in dem in den so genannten “gavias“, von Erd- oder
Steinwällen umgebenen Feldern, Mais, Kartoffeln, Tomaten und
Luzerne angebaut wurde.
Schon lange reichen Quell- und
Regenwasser aus dem Barranco nicht mehr, um die Gavias wie
früher Stück für Stück zu überschwemmen. Trotzdem werden von der
öffentlichen Hand regelmäßig neue Terrassenfelder angelegt, mit
dem Ziel, das Inselbild zu erhalten und die übrig gebliebene
Landwirtschaft zu unterstützen. Ein Fußmarsch den Barranco de
las Peñitas hinauf, an der Ermita de la Peña vorbei (einer
winzigen Wallfahrtskapelle mit interessanter Geschichte) bis zur
Stauseemauer wird mit wunderbaren Eindrücken belohnt.
Bevor die Straße Richtung Ajuy
anfängt anzusteigen, geht kurz nach dem Müllcontainer links ein
kleiner asphaltierter Weg ab, an dessen Ende die restaurierte
“tenería“ (= Lohgerberei) liegt. Dies war die einzige Gerberei
auf der Insel, und so kamen die Majoreros aus allen Dörfern bis
in die 40er Jahre mit den Häuten ihrer selbst geschlachteten
Ziegen, Schafe oder Kühe hierher. In dem großen Becken im
Haupthaus wurden die Häute dank der “sumaque“, einer Mischung
aus verschiedenen Kräutern, die dem Wasser zugefügt wurde, vom
Fell befreit.
Im Nebenhaus sieht man
verschiedene kreisrunde Becken, in denen ein Mann die Leder mit
seinen Füßen weich trat. Das gebrauchte Wasser floss an der
Rückseite des Hauses in die dahinter liegenden Felder ab, welche
die Gemeinde übrigens jetzt als öffentlichen Grillplatz (inkl.
Wasser- und Stromzufuhr!) einzurichten plant.
Zurück auf der Hauptstraße, lohnt
es sich weiter zu fahren in Richtung Ajuy, ein pittoreskes
Fischerdorf. Auf dem Weg bietet sich Ihnen ein grandioser
Ausblick auf einen 660 m hohen Berg rechts von der Straße, der
im Volksmund nicht umsonst “La Teta“ (=Busen) genannt wird.
AJUY
Dass es einst der wichtigste
Hafen der Insel war, von dem aus Fuerteventura besiedelt wurde,
sieht man dem “Geisterdorf”, das heute offiziell 130 Seelen
zählt, längst nicht mehr an. Puerto de la Peña, wie Ajuy auch
genannt wird, war zu Zeiten des Eroberers Jean de Béthencourt im
15. Jhd. der Hafen der alten Hauptstadt Betancuria. Hier wurden
die Waren für die Stadt verladen, wozu die Schiffe in der etwas
ruhigeren Nachbarbucht “Caleta Negra“ anlegten, und dann durch
die Schluchtenge des Barranco de las Peñitas hinauf bis ins
Landesinnere transportiert.
Doch mit dem wirtschaftlichen
Abstieg Betancurias und mit dem Aufstieg La Olivas und Antiguas,
die ihre Waren über die Häfen Cotillo bzw. Caleta de Fustes
verschifften, verlor Puerto de la Peña an Bedeutung. Seit um
1800 Puerto de Cabras, wie die heutige Hauptstadt früher hieß,
unaufhaltsam zu wachsen begann, versank der kleine Ort vollends
in der Bedeutungslosigkeit. Die wenigen übrig gebliebenen
Einwohner sollen sogar um ihre Trinkwasser- und Stromversorgung
(beides erst 1986 angelegt) hart gekämpft haben müssen.
Doch seitdem müssen die
Fischerboote nicht mehr mühselig mit vereinten Kräften an den
Strand gezogen werden, sondern heute übernimmt ein Motor mit
Seilzug (untergebracht in dem kleinen Steinhäuschen mit blauer
Tür am Strand) diese Aufgabe.
Am Ortseingang brauchen Sie nur
den schmalen Sträßchen immer bergab zu folgen, um zu dem breiten
Strand zu gelangen, der teils aus Steinen, teils aus feinem,
schwarzem Sand besteht. Der Blick auf das oft aufgewühlte Meer
mit den hohen Brandungswellen ist atemberaubend. Zum Baden
sollten Sie sich allerdings besser an die Ostküste begeben: Die
Bucht von Ajuy ist, wie die allermeisten Strände der Westküste,
für ihre gefährlichen Unterströmungen und den hohen Wellen-gang
bekannt.
Den Namen „Playa de los Muertos“
(= Strand der Toten) trägt der Strand jedoch wegen der früheren
Überfälle von Piraten, die regelmäßig wahre Blutbäder unter den
Einwohnern anrichteten. Nur die Könner unter den Wellenreitern
und Boogie-Boardern wagen sich hier ins Wasser; übrigens ein
tolles Spektakel, das Sie sich nachmittags bei einem Imbiss in
der sehr sehenswerten und ältesten Bar des Ortes direkt am
Strand, dem Goldkäfig (”Jaula de Oro“), ansehen können.
Zu beiden Seiten der Bucht ragt
die Steilküste auf, die besonders in nördlicher Richtung bizarre
Felsformationen aufweist. Anfang der 90er Jahre wurde der hier
beginnende 10 km lange Küstenabschnitt nordwärts zum “Monumento
Natural“ (Naturdenkmal) erklärt, denn hier lässt sich die
geologische Vergangenheit der Insel beispielhaft nachvollziehen.
Es führt ein gut ausgebauter Weg
vom Strand die Steilküste hinauf, von dem aus Sie die
aufgekippten Schichten des kreidezeitlichen Meeresbodens von
Nahem begutachten können: Vertikal angeordnete grünliche und
dunkelgraue Pakete von Tonschiefern und Sandsteinen,
unterbrochen von weißlichen kalk- und quarzhaltigen
Tiefwassersedimenten.
Diese Meeresbodensedimente aus
der Kreidezeit deuten auf die enormen Hebungsprozesse der
Vulkaninsel hin. Zwischen verfestigten Kalksandsteinschichten
(gebildet aus den damaligen Dünen) finden sich immer wieder
Lagen von Basaltstein, die alte Strandmarkierungen darstellen
aus Zeiten, da der Meeresspiegel noch höher lag. Diese
geologisch äußerst interessante und sehr eindrucksvolle
cremefarbene Sedimentbank zieht sich wie ein helles Band
kilometerweit nach Süden und Norden an der Westküste entlang.
In den Kalksandsteinschichten
sind viele versteinerte Schneckengehäuse und andere fossile
Schalentiere gefunden worden, die auf eine Entstehung circa 5
Millionen Jahre vor unserer Zeit hinweisen. Das Naturdenkmal von
Ajuy ist somit das älteste Stück Erde auf dem Kanarischen
Archipel.
Die
Höhlen
Wind und Meer haben ein Übriges
getan und bizarre Aushöhlungen in den zerklüfteten Felsen
geformt. Die eindrucksvollsten davon sind zwei gewaltige Höhlen
(”cuevas“), zu denen Sie bei ruhigem Seegang über in den Fels
gehauene Treppenstufen hinabsteigen können. Dorthin gelangen
Sie, indem Sie dem Weg entlang der Steilküste, an den Resten
zweier Kalköfen und einem dazugehörigen Steinhaus vorbei,
folgen.
Dem Fels vorgelagert liegt ein
kleines Riff, das die starke Brandung ein wenig abhält. Hier
legten die Schiffe an, die bis in die zweite Hälfte des 19.
Jahrhunderts den begehrten Kalk auf die Nachbarinsel Gran
Canaria brachten. Seitdem Kalkfarbe kaum noch im Baugewerbe
benutzt wird, liegen die Kalköfen still.
Der hier beginnende, leicht
ansteigende Pfad wurde früher von Kamelen begangen, auf deren
Rücken die schweren Steinblöcke zu den Öfen gelangten. Ein alter
Fischer erzählt von einem Unglück, bei dem ein Arbeiter auf der
Höhe der Kalköfen beim Festzurren der Ladung auf dem Kamel
rücklings ins Meer stürzte, nachdem ein Seil abriss. Er fiel
glücklicherweise in die schmale Lagune zwischen Fels und Riff
und konnte gerettet werden.
Nach etwa drei weiteren Minuten
gelangt man zu den steil abwärts führenden Stufen, die bei
starkem Seegang von der Gemeinde mit einem rot-weißen Band
abgesperrt werden. Es kann einem allerdings auch passieren, dass
sich das Meer längst wieder beruhigt hat und man gefahrlos
hinabsteigen könnte, aber das Band noch tagelang hängen bleibt
und die ängstlicheren Besucher um das faszinierende Erlebnis der
Höhlenbegehung bringt.
Vom Inneren der ersten Grotte
blickt man hinaus auf die wegen ihrer dunklen Felsen „Caleta
Negra“, schwarze Bucht, genannt, in der zwischen Mai und
Oktober, wenn das Meer den Fischfang erlaubt, die Fischerboote
vor Anker liegen. In dem großräumigen vorderen Teil der Höhle
feierten an den Wochenenden die Jugendlichen aus Pájara und Ajuy
nach einem langen Nachmittag auf den Wellen ausgelassene
Grillfeste, bevor die Gemeinde derartige Vergnügungen unter
Strafe stellte. Ganz früher dienten die Grotten als
Piratenversteck und später als Kalklager.
Von der ersten Höhle weist ein
weißer Pfeil den Weg zur zweiten, etwa 600 m tiefen Felsgrotte,
jedoch sollten sie es bei der Erkundung des vorderen Teils
belassen. Der schmale weiterführende Höhlengang, der früher
angeblich einen geheimen Tunnel bis zum Strand von Ajuy bildete,
sei den Höhlenforschern überlassen. Wenn nicht gerade am
Nachmittag die tief stehende Sonne ihre letzten Strahlen in die
Grotten schickt, tut eine Taschenlampe bei diesem Ausflug gute
Dienste.
Wieder oben, führt der Weg noch
ein kleines Stück weiter bis zum ausgebauten Mirador
(= Aussichtspunkt), der einen interessanten Blick auf die Reste
der kleinen Hafenanlage bietet, die ab dem 15. Jhd. dem Import
und Export von Waren diente. Von hier aus führt an einer
Gabelung ein Trampelpfad aufwärts weiter in Richtung Norden,
oberhalb der Caleta Negra entlang, dann landeinwärts über eine
steinübersäte Hochfläche, bis man nach ca. 45 Minuten zum
berühmten Felsentor “Peña Horadada“ (=durchbohrter Fels)
gelangt. An diesem 20 m hohen Felsentor mündet der Barranco de
las Peñitas ins Meer. Dort hat sich ein natürliches
Schwimmbecken gebildet, in dem man sich nach dem Fußmarsch
wunderbar abkühlen kann.
Zurück im Fischerdorf, das ganz
auf den Ausflugstourismus angewiesen ist, können Sie sich in
einem der vier Fischrestaurants zum Beispiel die inseltypische
“Caldo de Pescado“ (Fischsuppe) mit Gofio schmecken lassen —
wenn auch zu relativ hohen Preisen. Aber dafür erleben Sie die
Romantik der Brandungswellen, der vorgelagerten Felsenkulisse
und natürlich des Sonnenuntergangs im Atlantik (Viele kommen
eigens dafür an die Westküste!) hautnah, wie in einer Loge
sitzend. Alle Restaurants verfügen nämlich über eine Terrasse
mit Meerblick.
Sehr beliebt bei den
Einheimischen, die das Dorf an den Wochenenden zum Leben
erwecken, ist das Lokal “Puerto de la Peña“ (auch “Casa
Fernando“) mit den blau-weißen Markisen, auf halber Höhe des
Ortes.
Große
Pläne...
Die Gemeinde Pájara hat große
Pläne für den Bau eines geologischen Museums auf der Hochebene
nördlich des Ortes, das die Entstehungsgeschichte dieser Region
auf ansprechende Weise dokumentieren soll. Die Baupläne sind
bereits bis ins Detail angefertigt, nur auf die Genehmigung
wartet man noch. Schließlich ist die Region Teil des geschützten
“Parque Natural de Betancuria”. Der Bürgermeister ist jedoch
optimistisch; in etwa zwei Jahren soll alles fertig sein.
Bereits im Oktober 2004 soll aber
der “Parque temático de Ajuy“ im Barranco von Ajuy eingeweiht
werden, ebenfalls Teil des ehrgeizigen Projektes, der “Ruta
turística del Norte“, mit dem die Gemeinde zeigen will, dass der
Bezirk Pájara mehr zu bieten hat als nur die kilometerlangen
Sandstrände im Süden. Sinn der Sache ist, das traditionelle
Leben dieser Region wieder auferstehen zu lassen (und in eine
touristische Sehenswürdigkeit zu verwandeln). Der Park wird sich
der traditionellen Architektur, Gastronomie und Wirtschaft
ebenso widmen wie der hiesigen Archäologie, Flora und Fauna.
Die alten Gavias im Barranco
sollen wieder mit der ursprünglich dort wachsenden Kresse (”berro“,
eine typische Ingredienz der “potajes“, der kanarischen
Eintöpfe) bepflanzt werden. Auch die bis zu 150 Jahre alten
Palmen sollen vor dem Vertrocknen bewahrt und die alten Bräuche
in einem ethnografischen Freilichtmuseum vorgeführt werden.
Wasser aus einem Tiefbrunnen (mit eigener
Wasseraufbereitungsanlage) soll das Regenwasser ersetzen, das
früher zur Überflutung der Anbauflächen genutzt wurde.
Viele dieser Gavias sind heute
auch im Tal entlang der Straße von Pájara nach Tuineje kurz vor
dem winzigen Bauerndorf Toto zu sehen, das in seiner ruhigen
Abgeschiedenheit sicher auch einen Abstecher wert ist.
TOTO
Entlang der Strecke nach Toto
sind die Berge übersät von unzähligen runden Büschen: das ist
die Tabaiba, ein Wolfsmilchgewächs, das besonders nach
Regenfällen die Berghänge plötzlich in sattem Grün erstrahlen
lässt. Ihre giftige Milch (die sie vor den gefräßigen Ziegen
schützt), wurde in früheren Zeiten übrigens auch zum Fischfang
genutzt: Aus ufernahen, bei Flut überströmten Tümpeln ließen
sich die Fische mit der Hand herauspflücken, nachdem das Wasser
mit der betäubenden Substanz versetzt worden war.
Aus Pájara Richtung Tuineje
kommend, liegt nach 2,4 Kilometern an der linken Hand Toto. Hier
meint man leicht, dass die Zeit stehen geblieben ist. Wären da
nicht die verfallenen ehemaligen Anbauterrassen, die sich weit
die Berghänge um den Ort hinaufziehen und vom Niedergang des
Ackerbaus zeugen, der (neben der Ziegenhaltung) seit
Jahrhunderten Lebensgrundlage der Dorfbewohner gewesen war.
Zahlreiche Opuntienfelder
erinnern noch an die Blütezeit der Cochenille-Zucht, die heute
kaum noch genug Geld zum Leben einbringt, da die hiesigen Bauern
bei den derzeit niedrigen Weltmarktpreisen für Naturfarbstoffe
nicht konkurrenzfähig sind. Auch der Verkauf der “tunos“, der
Kaktusfeigen, ist längst kein einträgliches Geschäft mehr.
Aber schon früher war das Leben
für die Bauern aus Toto kein Zuckerschlecken. Denn wenn der
Regen einen Winter ausblieb, trockneten auch die sonst relativ
feuchten Talengen um Toto herum aus, und es blieb den Männern
nichts anderes übrig, als woanders Arbeit zu suchen. Viele
gingen auf die Nachbarinseln, und arbeiteten dort, zum Beispiel
am Bau, für fünf bis sechs Monate im Jahr.
Heute verdienen die meisten
Bewohner des Dorfes ihr Brot bei der Gemeindeverwaltung Pájara,
dem größten Arbeitgeber dieser Region (siehe "Wirtschaft heute"
weiter unten). Der Rest hat sich Arbeit in den Hotels im Süden
gesucht, und so wird man Toto tagsüber völlig ausgestorben
antreffen.
Höchstens der alte Don Jose
María, dem früher die Dorfbäckerei gehörte, wandert an seinem
Gehstock über die verstaubten Wege. Heute liegt oben auf dem
Hügel eine große Industriebäckerei, die die Supermärkte der
Region beliefert, wo Sie aber durchaus auch Brot für den
Eigenbedarf kaufen können. Ansonsten gibt es keinerlei Geschäfte
oder Bars (geschweige denn ein Restaurant) am Ort.
Die wenigen bewirtschafteten
Felder sind nur noch die Feierabend- und Wochenendbeschäftigung
einiger Nostalgiker, wie zum Beispiel Benjamin Díaz Díaz, dem
wir bereits an der Noria von Pájara begegnet sind und der in
Toto geboren ist und wohnt.
Nachdem er den “Demo-Esel“
Bombero nach getaner Arbeit in seinen Stall gebracht hat,
verbringt er den Nachmittag auf seinem Stückchen Land in Toto,
zwischen Maisstauden und Kartoffelpflanzen. Er erzählt, dass das
kleine, übrigens historisch durchaus interessante Dorfkirchlein
von Toto nur jeden zweiten Mittwoch, wenn der Pfarrer für die
Messe kommt, die Türen öffnet. Aber er hat gleich einen Tipp
parat: den Schlüssel kann man sich jederzeit bei Doña Ramona im
Haus Nr. 23 an der Calle Cuesta de San Antonio abholen.
Vom Ortseingang folgen Sie der
Straße geradeaus über die Barrancobrücke bergauf, bis Sie links
die “Ermita de San Antonio de Padua“ mit dem beschaulichen
Kirchplatz davor sehen. Das nächste Haus nach der Kirche trägt
die Nummer 23, klopfen Sie an der zweiten Tür und bitten Sie um
den Schlüssel (”La llave de la iglesia, por favor!”).
Das dem heiligen Antonius von
Padua gewidmete Gotteshaus wurde in der zweiten Hälfte des 18.
Jhds. erbaut und schließlich 1795 fertig gestellt. Es besteht
nur aus einem Schiff, verfügt aber über zwei Portale, beide von
hellem Steinmetzwerk umgeben: ein Eingang an der Seite unter dem
Glockenturm, der aus Quadersteinen gebaut ist, und einer an der
Längsseite am Kirchplatz. Es ist stockdunkel in der kleinen,
einfach ausgestatteten Kirche (zum Aufschließen der Tür an der
kurzen Seite den Schlüssel rechtsherum drehen), da die zwei
kleinen Seitenfenster, genau wie die beiden Türen zur Sakristei
am Altar, mit tiefroten Vorhängen verhängt sind. Einen
Lichtschalter finden Sie aber neben dem Seiteneingang (nicht
vergessen, wieder auszuschalten!).
Im Inneren stechen die einfache
Holztäfelung der Decke sowie der verspielte weiße Kreidealtar,
mit roten Tüchern verziert, ins Auge. Die Zentralnische im Altar
nimmt eine Statue des Schutzpatrons des Ortes, des Heiligen
Antonius, ein. Die Figur in volkstümlicher Ausführung ist mit
ihren üblichen Abzeichen versehen, der Lilie und dem Jesuskind
(auf einem Buch stehend) auf dem Arm, und gekleidet in das
braune Ordenskleid der Franziskaner mit Hüftstrick. San Antonio
wird links flankiert von seinem Ordensbruder, dem Heiligen Diego
von Alcalá, einer kleinen Skulptur mit demütig
nieder-geschlagenem Blick und einem Kreuz über der Schulter.
Da die Franziskaner den ältesten
Orden auf der Insel gegründet hatten, stellten sich viele Dörfer
unter den Schutz von Franziskanerheiligen.
Zu San Antonios Rechten befindet
sich eine etwas kleinere Holzschnitzerei, die San Juan Bautista,
Johannes den Täufer, darstellt. Einmal im Jahr, wenn am 13. Juni
die Fiesta des Schutzheiligen von Toto gefeiert wird, verlässt
die Figur des Heiligen Antonius ihren zentralen Platz hinter dem
Altar und wird in einer Art Holzsänfte, die Sie gleich am
Eingang stehen sehen, in feierlicher Prozession durch das Dorf
getragen.
Gleich gegenüber der Kirche steht
ein mobiles Eishäuschen (”helados“). Am frühen Abend ist es
geöffnet. Dann treffen sich die wenigen Bewohner des Dorfes, um
sich hier vor dem Kirchplatz, in Ermangelung einer Bar, eine “cerveza“,
ein Bier zu genehmigen. Beim Verlassen des Örtchens fällt Ihnen
kurz vor der Brücke an der linken Seite sicher ein großes,
mehrstöckiges und mit braunem Stein verklinkertes Wohnhaus auf,
das mit seinem riesigen Balkon und sogar mehreren
Über-wachungskameras so gar nicht in das verschlafene Dorf zu
passen scheint. Hier wohnt der vor einem Jahr abgewählte
Bürgermeister des Gemeindebezirkes.
Wirtschaft heute und Zukunftsperspektiven
Über dessen “Fehltritte“ kann
sich der jetzige Bürgermeister von Pájara, Rafael Perdomo
Betancor, richtig ereifern. Die vorige Regierung setzte nämlich
voll auf den Tourismus als Haupteinnahmequelle der Gemeinde und
verdiente mit der Erteilung unzähliger Baulizenzen schnelles
Geld. Zwar stellt nach Aussage des Bürgermeisters der Tourismus
längst “den Motor der Wirtschaft dieser Gemeinde“ dar,
schließlich arbeiten heute rund 90 Prozent der Bevölkerung im
touristischen Sektor. Allerdings sei es nötig, das touristische
Wachstum so zu kontrollieren, dass dabei das fragile Ökosystem
der Insel nicht den Kürzeren zieht.
Außerdem braucht die Region ein
zweites Standbein, um sich nicht gänzlich in eine solch
gefährliche Abhängigkeit zu begeben. Anstatt auf den Bau
weiterer Hotels (Zitat: ”Die Gemeinde Pájara benötigt nicht ein
Bett mehr!“), will man sich auf eine Verbesserung der
Infrastruktur konzentrieren, lokale Firmen statt internationaler
Hotelkonzerne unterstützen und sich um den Erhalt des
Inselbildes bemühen, zum Beispiel durch das unterirdische
Verlegen von Telefon- und Elektrizitätsleitungen.
Die rasante touristische
Entwicklung seit Ende der 60er Jahre hat die Aufgabe fast aller
traditionellen Wirtschaftszweige nach sich gezogen, da der
Großteil der Bevölkerung Arbeit im Dienstleistungs-bereich
gefunden hat. Dies gilt auch für diese nördliche Region der
Gemeinde, obwohl es hier keine touristischen Zentren gibt.
Dennoch ist direkt oder indirekt
die Mehrheit der Bevölkerung vom Tourismus abhängig. Deshalb hat
sich die jetzige Regierung zur Aufgabe gestellt, die ehemals
dominanten Wirtschaftszweige Ackerbau und Viehzucht zu fördern
und neu aufzubauen. Ziel ist es, zumindest einen gewissen Grad
der Selbstversorgung zu erreichen, sodass beispielsweise nicht
mehr das Gemüse, das die Hotelküchen verbrauchen, aus
Deutschland importiert werden muss, weil das bisher die
billigere Alternative ist.
Mit Subventionierungen und
Fördermaßnahmen soll auch der Jugend von Pájara der primäre
Sektor wieder schmackhaft gemacht werden. Der Anbau von Tomaten,
Bananen, Paprika und anderem Gemüse für die eigene Wirtschaft
sei in dieser Region einfach, solange das Wasser gesichert ist,
bemerkt der Bürgermeister Don Rafael. Und das wird die
Inselregierung den Bauern, die sich wieder der Landwirtschaft
zuwenden, zum halben Preis zur Verfügung stellen. Es stammt aus
der Meerwasserentsalzungsanlage in Puerto del Rosario.
Dennoch wird es nicht einfach
sein, Ackerbau und Viehzucht zu reanimieren, nachdem die
Jugendlichen einmal die Vorzüge eines gesicherten Einkommens und
geregelter Arbeitszeiten, wie an den Hotelbars, in
Autovermietungen oder Taxiunternehmen, kennen gelernt haben:
“Wenn du Ziegen oder Tomaten hast, dann hast du kein Leben“, ist
die gängige Meinung unter den Jüngeren hier im Binnenland.
Ziel Nummer eins ist deshalb für
sie, einen Job beim hiesigen Ayuntamiento (= Rathaus), d.h. bei
der Gemeindeverwaltung, zu ergattern. Diese beschäftigt rund 200
Festangestellte, und noch mal so viele Vertragskräfte, die als
Gärtner, Müllmänner, Strandkehrer, Feuerwehr- und
Polizeipersonal das “picobello“ Gemeindebild sicherstellen. Da
wundert es nicht, dass in den sorgfältig gehegten und gepflegten
Grünanlagen im Dorf Pájara kein Blättchen an der falschen Stelle
liegt. Außerdem verfügt die Gemeinde über hochmoderne
unterirdische Müllcontainer und eine wahre Flotte von
Maschinerie, Traktoren und Lastkraftwagen. Sie nennt sogar vier
Feuerwehrwagen ihr eigen, und übertrumpft damit gar den
Hauptstadtbezirk Puerto del Rosario.
Nach Aussage des Gemeinderates
für Tourismus, Guillermo Concepción Rodríguez, ist dies das
Ergebnis der seiner Meinung nach falschen Ausgabenpolitik der
vorigen Regierung. Einsparungen seien hier dringend nötig, denn
es fehlt das Geld, um die immensen Unterhaltskosten zu decken:
Die Schuldenlast der Gemeinde beläuft sich bereits auf 48
Millionen Euro!
Momentan befindet man sich in
Verhandlungen mit einer Firma, die für die nächsten 50 Jahre die
Wasseraufbereitung für den gesamten Gemeindebezirk sicherstellen
und als Gegenleistung den Schuldenberg tilgen helfen soll.
Noch bis vor wenigen Jahren
stellte neben dem Tourismus der Tomatenexport ein wirtschaftlich
wichtiges Standbein für die Gemeinde Pájara dar. Besonders die
Region um die Dörfer Pájara, Ajuy, Mézquez und Fayagua waren
florierende Anbaugebiete.
Aber die Tomatenproduktion wird
heutzutage immer mühsamer. Überdurchschnittlich hohe Kosten
machen den Anbau für die hiesigen Bauern unwirtschaftlich: Nötig
sind teure Gazeabdeckungen, welche die Pflanzungen vor Wind und
Sonne schützen, sowie eine aufwändige Tropfbewässerung (”goteo“
genannt), um den Wasserverbrauch niedrig zu halten. Zudem
versalzen die Felder bei regelmäßiger Bewässerung mit dem
salzhaltigen Grundwasser (bis zu 7 g Salz pro Liter enthält das
Grundwasser dieser Region), sodass auf eine zweijährige
Nutzungsdauer eine zehnjährige Brache folgen müsste.
Am meisten Probleme aber macht
den Bauern hier die Konkurrenz der marokkanischen Tomaten,
die zu viel geringeren Preisen (die Arbeitskraft dort ist bei
weitem billiger als die auf den Kanarischen Inseln) verkauft
werden. Der Preisverfall, seit die Kanarischen Inseln 1992 voll
in die EU integriert wurden, sowie die hohen Frachtgebühren im
Vergleich zur Festlandkonkurrenz tun ein Übriges.
Inzwischen hat sich für die roten
Paradiesäpfel eben ein lukrativer Ersatz gefunden: die
Touristen. Manuel von der Bar “Guayarmina“ kennt beide und meint
lächelnd: “Touristen sind wie die Tomaten: Man muss sie hegen
und pflegen.“ Dass der neue Gemeinderat von Pájara ähnlich
denkt, lässt hoffen, dass mit der “Bauwut” der letzten Jahre
erst einmal Schluss ist!
Statten Sie doch auch einmal
Pájara und Umgebung einen Besuch ab und lassen sich “hegen und
pflegen“. Es lohnt sich!
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